Autor Thema: Journalismus im Krankenstand (Timo Rieg)  (Gelesen 257 mal)

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Journalismus im Krankenstand (Timo Rieg)
« am: 26. März 2020, 16:21 »
Zu den (altbekannten) "Infektionskrankheiten" in weiten Teilen des deutschen Journalismus...

Journalismus im Krankenstand
von Timo Rieg, 26.03.2020, Telepolis (heise.de/tp/)
Zitat
Der Corona-Krise nicht gewachsen: Die viel beschworene Funktion fürs demokratische Gemeinwesen kann Journalismus nur haben, wenn er anbietet, was zur Meinungsbildung notwendig ist [...]

Inzwischen haben Politik und Behörden die größten Grundrechtseinschränkungen in der Geschichte der Bundesrepublik verhängt, ohne dass die führenden Medien irgendeine Orientierungsleistung erbracht hätten. Man möchte spotten, [...], doch tatsächlich scheint das Problem grundsätzlicher zu sein, wie schon viele Diskussionen um "Haltung im Journalismus" vermuten ließen.[...]

Das gesamte Medienrecht, ausgehend von der grundgesetzlichen Pressefreiheit, fußt auf dieser Annahme: Eine freie Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt, sie ist für die Demokratie geradezu konstitutiv (vgl. z.B. 3. Rundfunkentscheidung des BVerfG).

Während viele den täglichen NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" mit Christian Drosten feiern, ist eher zu diskutieren, wo die Grenze zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit verläuft, wenn zu einem so wichtigen Thema in einem festen Format jeden Tag ausschließlich derselbe Experte seine Sichtweisen äußern darf und diese auch von anderen Medien der Offenbarung gleich weiterverbreitet werden.

Von daher ist auch weniger zu fragen, wie einige Journalisten kürzlich noch staatliches Handeln kritisch hinterfragen konnten, sondern wo diese und andere Fragen geblieben sind, als sich in Deutschland die repressiven Ereignisse überschlugen. Es ist Aufgabe des Journalismus, nach anderen Ansichten zu suchen, gerade auch, wenn sie mal nicht auf dem Silbertablett von in Berlin ansässigen Lobbyisten angereicht werden.

Doch stattdessen werden die wenigen - meist über alternative Kanäle verbreiteten und natürlich oft dubiosen - Interpretationsalternativen in sog. Faktenchecks ausgesondert, anstatt sie zum Anlass zu nehmen, die Dinge einmal von einer anderen Seite aus zu betrachten und zur Kenntnis zu nehmen, dass noch nicht das ganze Volk die neue Staatsräson bejubelt.

Wie notwendig es ist, gerade auch in Krisenzeiten journalistisch misstrauisch gegenüber allen Autoritäten zu sein, hat Andrej Reisin auf Übermedien an einem kleinen, aber bezeichnenden Beispiel dargelegt: Während das Bundesministerium für Gesundheit per Werbeanzeigen in Social Media die Meinung verbreitete, "die Bundesregierung würde bald massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigen" sei "Fake News", und man solle helfen die "Verbreitung zu stoppen", plante die Regierung genau solche drastischen Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Selbst der ARD-Faktenfinder hatte die Politik-PR nicht als Behauptung, sondern als Fakt gesehen. [...]

Sehr freimütig soll der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Aussetzung der Demokratie verkündet haben mit den Worten, jetzt regiere die Medizin. Was seriös klingt, weil sich die Generalisten der Politik nach Fachleuten richten wollen, ist tatsächlich jedoch noch einschneidender als das inzwischen verhängte "Kontaktverbot". Denn in einer Demokratie dürfen niemals die Fachleute entscheiden, weil sie nicht anstelle der Gesellschaft Ziele bestimmen können. [...]

Die Aufgabe

Fachleute sollen wie andere Lobbyisten für ihre Positionen werben. Für ihren Wunsch nach möglichst langem Leben, für Wirtschaftswachstum, für Selbstbestimmung, für was auch immer. Diese sehr verschiedenen Sichtweisen verhandelbar zu machen ist die Aufgabe des Journalismus. [...]
(Verlinkungen im Originaltext sind diesem bitte dort zu entnehmen)
Weiterlesen auf:
https://www.heise.de/tp/features/Journalismus-im-Krankenstand-4691152.html


Edit "Bürger": Thread dient reinen Informationszwecken und bleibt für die Diskussion vorerst geschlossen.


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« Letzte Änderung: 26. März 2020, 16:48 von Bürger »

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