Autor Thema: Interview mit Josef Göhlen zur Entwicklung des Kinderfernsehens  (Gelesen 513 mal)

Offline Fuchur

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Lesenswertes und hochinteressantes Interview mit dem
deutscher Kinderbuchautor, Filmproduzenten und
langjährigen Leiter des Kinderprogramms in ARD und ZDF
Josef Göhlen
https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_G%C3%B6hlen
zur Entwicklung der Programmgestaltung:

medienkorrespondenz, 03.01.2017
Keine kurzen Hosen!
Interview mit Josef Göhlen zur Entwicklung des Kinderfernsehens in Deutschland
Von Tilmann P. Gangloff

Zitat
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MK: Lässt sich durch die geschilderten Werte auch der anhaltende Erfolg der alten Produktionen aus der Augsburger Puppenkiste erklären?

Göhlen: Ich denke schon. Die Sender wollen heute allerdings die alten Sachen nicht mehr zeigen, weil sie angeblich nicht mehr modern genug sind. Ich halte das für Quatsch. Man sieht das an den DVDs: Die Eltern kaufen sie aus nostalgischen Gründen, die Kinder lieben die Geschichten. Das zeigt doch, dass meine Haltung nicht ganz falsch gewesen sein kann. Ich stand, wenn man so will, für eine Form von medialer Pädagogik, die in der Poesie aufgehoben war.

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MK: Vermissen Sie diesen perspektivischen Blick beim heutigen Kinderfernsehen?

Göhlen: Ich kenne natürlich nicht mehr alle Sendungen. Und die, die ich kenne, möchte ich hier nicht bewerten. Wir, also meine Mitarbeiter und die Produzenten, haben damals das Programm mit Begeisterung gemacht. Wir wollten einerseits etwas Besonderes herstellen, hatten aber andererseits immer das Publikum im Blick, denn wir wollten natürlich auch Applaus. Heute spielt statt des Applauses die Quote die große Rolle, aber noch wichtiger scheint mir der Profit zu sein. Das Kinderprogramm wird benutzt, um Geld zu verdienen. Der einzige Grund für das Remake von „Biene Maja“ zum Beispiel ist meines Erachtens die Hoffnung, durch die neuen Rechte mit dem Verkauf von Nebenprodukten mehr Geld zu verdienen, als es mit den alten Fassungen noch möglich ist.

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MK: Was halten Sie vom heutigen Kinderfernsehen?

Göhlen: Ich verfolge das Programm nur noch sporadisch. Aber gewiss ist, dass die Kindersender unglaublich viel Sendezeit füllen müssen, deshalb kaufen sie alles, was irgendwie zappelt. Ich erkenne leider keine Konzepte mehr. Möglicherweise hängt das mit einer veränderten Programmfindungsstruktur zusammen. Zu unserer Zeit hatten die Redaktionen ein Mitspracherecht bei der Programmplanung. Was ich beim ZDF produziert habe, durfte ich auch zumindest in Vorschlagsform in den Sendeplan einbringen. Heute, das ist mein Eindruck, teilt die Planungsabteilung den Redaktionen mit, was sie braucht und wo sie es braucht. Die Redakteure führen diesen Auftrag dann aus. Die Leute in der Planung kennen aber natürlich nur, was ihnen schon mal begegnet ist. Innovativ zu denken, das ist nicht ihre Aufgabe. Deshalb wird die Phantasie nicht gefordert. Weil man in der Planung auf die Quote fixiert ist, wirkt das Fiktionsprogramm von ARD und ZDF insgesamt eintönig und mutlos, wie die vielen Krimis belegen. Ideen für Alternativen gäbe es genug, sie werden aber meist mit dem Hinweis abgeblockt, es sei kein Geld da. Das Argument lasse ich jedoch nicht gelten – es war noch nie genug Geld da. 

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Mit Lizenzierungen konnte man Geld verdienen. Auch ARD und ZDF legten sich eigene Vertriebsfirmen zu. All dies beeinflusst bis heute das öffentlich-rechtliche Kinderprogramm und hat auf den ersten Blick zu einer gewissen Vielfalt geführt, die sich beim zweiten Hinschauen aber als Konzeptlosigkeit entpuppt.

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Als die kommerziellen Sender in den neunziger Jahren zunehmend Erfolg hatten, wurde das Kinderfernsehen in den öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen immer mehr zum Störfaktor, denn es unterbrach am Nachmittag den gleichmäßigen Quotenfluss. Deshalb wurde es zunächst an den Wochenendvormittagen konzentriert und schließlich komplett zum Kinderkanal ausgelagert. Anderen vermeintlichen Minderheitsangeboten ging es ganz genauso. Für das Kinderprogramm hatte diese Aussortierung aber besondere Folgen, denn es geriet komplett außer Sichtweite, und das gilt nicht nur für Fernsehkritiker und Medienpädagogen, sondern auch für die Aufsichtsgremien. Anders ist der Skandal beim Kika mit der Veruntreuung mehrerer Millionen Euro meiner Ansicht nach nicht zu erklären.
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Das ganze Interview hier:
http://www.medienkorrespondenz.de/leitartikel/artikel/keine-kurzen-hosen.html


Unterschriftenaktion: https://online-boykott.de/unterschriftenaktion
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« Letzte Änderung: 09. Januar 2017, 19:57 von Bürger »

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