Bisheriger Verlauf der Diskussion
Damit die Steuer-Erhebung so einigermaßen gerecht ist - ganz gerecht gibt's nie - sind die Einkommens- und Gewinnsteuern prozentual progressiv gestaffelt: Wer mehr Einkommen hat, zahlt prozentual auch mehr Steuern. Größere Schultern tragen mehr. Für den sozialen Frieden und den gesellschaftlichen Konsens ist diese Prinzip sehr wichtig.
Als Mensch, der u. a. mit Mathematik viel zu tun hat, habe ich mich an dieser Stelle oft gefragt, wie gerecht Steuerprogression wirklich ist.
Ein Beispiel:
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In einem fiktiven, gerechten, sozialen und demokratischen Land sind die ersten 20.000 EUR für Unverheiratete bzw. 40.000 EUR für verheiratete steuerfrei. Pro Kind kommt noch ein Betrag dazu – sagen wir in diesem hypothetischen Modell 10.000 EUR.
Ein Unverheirateter mit einem Einkommen von 30.000 EUR muss demnach 10.000 EUR versteuern.
Ein Unverheirateter mit einem Einkommen von 120.000 EUR muss sogar 100.000 EUR versteuern.
Nehmen wir an, der Steuersatz wäre für alle 20% und es gäbe keine Schlupflöcher und Sonderregelungen.
20% von 10.000 sind 2.000 – Zahlt derjenige, der "nur" 30.000 EUR verdient.
20% von 100.000 sind 20.000 – Zahlt derjenige, der 120.000 EUR verdient.
Obwohl der prozentuelle Satz von 20% sich nicht ändert, würde im meinem obigen Beispiel derjenige, der 10.000 EUR zu versteuern hat, nur ein Zehntel dessen an Steuern abführen, als der Gutverdienende mit 120.000 EUR. Wäre das ungerecht?
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Alleine die Prozentrechnung sorgt dafür, dass jemand, der besser verdient, mehr zahlt als derjenige, der weniger hat. Warum muss man dann noch den Prozentsatz erhöhen?
In den Köpfen der Menschen hat sich in den zurückliegenden Jahren der Glaube festgesetzt, dass "Reiche" mehr Prozente als "Arme" abdrücken sollten und keiner stellt sich die Frage, was eine Prozentrechnung einfach bedeutet. Eine Glanzleistung der Politik.
Und jetzt fragt man sich, warum Vermögende mit Ihrem Geld ins Ausland gehen. Etwas weniger Gier vom Staat und etwas mehr Gerechtigkeit und klare Gesetzgebung würden dafür sorgen, dass die Leute ihr Geld GERNE hier in unserem Lande versteuern.
So, nur ein Gedanke, nachdem ich mich bei den "Prozentdebatten" – aktuell jetzt bei den Grünen (ganz ohne Wertung; bitte keine Diskussionen darüber) – immer wieder wundern muss, wie Politiker den Matheunterricht bestehen konnten.
noch bisherige Diskussion:
Ja, René,
der, der 120.000 € Einkommen hat, hat ja auch schon mal das Vierfache Einkommen.
Und beschwert sich dann, dass er das Zehnfache an Steuern zahlen soll. Mmmh?
1. Viele Menschen beschweren sich über die exorbitanten Banker-Boni und
Vorstandsgehälter - da kommen manchmal Millionen zusammen. Wie soll man denen
sinnvoll begegnen, wenn nicht durch einen angemessenen Spitzensteuersatz? So ein
Spitzensteuersatz bedeutet dann natürlich: Progression!
2. Ein Grund für die Finanzkrise war und ist, dass unglaublich große vagabundierende
Geldbeträge zu Spekulationen mit Derivaten und Wetten verwendet wurden. Wo
kommen diese Geldbeträge wohl her? Könnte es sein, dass eine vernünftige Progression
eher höher sein müsste?
3. Wie kommt es, dass trotz Progression im Steuerverlauf die Vermögensverteilung in
Deutschland immer extremer wird? Siehe dazu die Tabelle: Das Einkommen akkumuliert
sich zunehmend im obersten Dezil. Könnte es sein, dass eine vernünftige Progression
eher höher sein müsste?
4. Die Sozialabgaben sind - im solidarischen Sinne - ja auch Zahlungen in das
"Gemeinsystem". Diese sind aber nicht progressiv - ja im Gegenteil: Sie sind mit einer
Beitragsbemessungsgrenze versehen - also strenggenommen noch nicht einmal
prozentual. Diese Sozialabgaben führen für die Mittelverdiener zwischen so
30.000 und 60.000 € Einkommen/a zu den prozentual höchsten Abgaben - bis 60% -
überhaupt. Verdiener über 60.000 € haben sogar (!) leicht sinkende Abgaben.
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Die reale Steuerprogression sieht in Deutschland so aus (siehe Anhang): Der
Grenzsteuersatz steigt ab dem Grundfreibetrag auf 14% Eingangssteuer. Er steigt
dann auf 24% an. Ab ca. 20.000€/a steigt er weiter auf den Spitzensteuersatz von
42%.
Es ist ein bißchen Geschmacksache - eine Sache der Einschätzung von
Gerechtigkeit also - ob und wie man eine Progression festlegt. Ich finde aber, ein
oberstes Gebot sollte es einerseits ja sein, dass Erfolg entlohnt wird. Dass aber
andererseits auch ein gesellschaftlicher Minimalzusammenhalt dadurch, dass
Einkommen und Wohlstand der Bürger in einem vergleichbaren Maßstab bleiben,
gewährleistet wird. Die Kooperation in einer Gesellschaft lebt vom Konsens über
das, was "gerecht" ist - und eine immer ungleichere Vermögensaufteilung, wie wir
sie zur Zeit erleben, steht dem entgegen.
Deshalb ist eine angemessene Steuerprogression IMO notwendig.
Nein, mein lieber Syna, ich teile diese Gedanken nicht. Dass man mehr verdient als andere, kann viele Gründe haben – wichtig dabei ist es, dass man sein Geld legal erwirtschaftet. Es gibt z. B. Leute wie die Mittelständer, die andere Leute in Lohn und Brot bringen. Soll z. B. ein Mittelständer eine Firma gründen, diese voranbringen, Leuten Arbeit geben und stets die volle Verantwortung tragen, um dann sich schämen zu müssen, dass er mehr als der einfache Maschinenbediener verdient? Er zahlt nicht nur durch den Prozentsatz mehr Steuern, sondern seine Mitarbeiter auch! Ohne ihn hätten diese u. U. erst gar keine Arbeit und der Staat würde nicht nur keine Steuereinnahmen haben, sondern die Arbeitslose unterstützen müssen.
Du kannst mir hier an dieser Stelle alles Mögliche erzählen, wirst bei diesem Thema bei mir aber gewaltig auf Granit beißen. Es kann nicht sein, dass Leute in diesem Lande sich für ihren Erfolg schämen und rechtfertigen müssen – ich habe diese Neiddiskussion wirklich satt!
Und jetzt der Oberhammer: Weil es im Banksektor Gauner gibt, die eigentlich ins Gefängnis gehören, werden auch diejenigen in den Dreck gezogen, die aufgrund ihrer Arbeits- und Lebensleistung es zum Erfolg geschafft haben und vielen Familien dadurch zu einem angenehmen Leben verholfen haben.
Wenn man diese Gedanken weiterspinnt, landen wir im tiefsten und reinsten Sozialismus. Was das bedeutet, zeigt uns die Geschichte immer wieder und ich muss das hier nicht aufführen. Allerdings lassen sich mit diesen Gedanken viele unzufriedenen Menschen begeistern: "Reiche sollen mehr zahlen – die haben's!" – "Das Geld der Reichen soll verteilt werden; das ist Gerecht!" – "Die Reichen sind alle Ausbeuter und gehören bestraft!" usw. – Als ob das Geld in den Bäumen wachsen würde und unendlich zur Verfügung stünde.
Sicher muss man Auswüchse verhindern und Exzesse bestrafen, aber nicht mit dem Rasenmäher alle glatt und einheitlich köpfen! Menschen müssen und dürfen Erfolg haben und haben auch ein Anrecht darauf, ein Großteil ihres Erwirtschafteten zu behalten. Korrekte Leute – und davon gibt es in der Republik genug – werden das Geld nicht wie Onkel Dagobert bunkern, sondern sinnvoll investieren, was zu mehr Arbeit und schließlich Wohlstand führt. Oder glaubst du, dass unsere wirtschaftlicher und ja, auch sozialer Erfolg (man muss sich nur den Rest der Welt anschauen), ein Naturgesetz ist, das bei uns vom Himmel runter regnet?